STAB-Förderpreis 2026 geht an Dr. Severin Dressen
STAB-Förderpreis 2026 an Dr. Severin Dressen verliehen
Am 4. Juli 2026 wurde der STAB-Förderpreis 2026 an Dr. Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich, verliehen. Über 200 Gäste nahmen am Anlass in der Aula des Kinderspital Zürich teil und erlebten begeisternde Reden – ein rundum gelungener Morgen im Zeichen des Natur- und Artenschutzes.
Die Begründung – Benno Lüthi
In seiner Begründung schilderte Benno Lüthi, STAB-Jahrespreisträger 2026, warum ihm gerade die Fledermäuse am Herzen liegen. Seine Faszination reicht bis in die Jugend zurück – in eine Zeit, als die Tiere noch als gefährlich galten. Pionierinnen und Pioniere wie Marianne Hafner und Hans-Peter Stutz halfen, diesen Aberglauben zu überwinden. Aus dieser Begeisterung entstand die Stiftung Fledermausschutz, die dank des damaligen Zoodirektors Dr. Alex Rübel früh ein Zuhause im Zoo Zürich fand und heute eine schweizweite Erfolgsgeschichte ist. Dass Severin Dressen als Stiftungsrat aktiv mitwirkt, sieht Lüthi als Zeichen echten Engagements – und verbindet mit der Nomination die Hoffnung, dass diese Erfolgsgeschichte mit derselben Tatkraft weitergeschrieben wird.
Die Laudatio – Monika Friedli-Walser
Monika Friedli-Walser, Vizepräsidentin des Verwaltungsrats des Zoo Zürich, würdigte Dr. Severin Dressen als jemanden, der Naturschutz nicht als Schlagwort, sondern als tägliche Arbeit versteht. Der Preis, so Friedli-Walser, ehre eine Haltung: dass der Schutz der Natur dort beginnt, wo wir bereit sind, genau hinzuschauen – auch auf das Kleine, Verletzliche und oft Übersehene. Fledermäuse holten die grossen ökologischen Fragen zurück in unsere unmittelbare Nähe und machten sichtbar, dass der Schutz einer einzigen Art immer auch Lebensräume, Insektenvielfalt und ökologische Zusammenhänge schützt. Monika Friedli-Walser hob Severins wissenschaftliche, kommunikative und strategische Stärke hervor, seine Rolle beim Ausbau des Zoo Zürich als Bildungs‑, Forschungs- und Artenschutzzentrum sowie die konkrete Bedeutung des Fledermausschutzes mit Ausstellung und Notpflegestation im Zoo.
Das Referat – Dr. Severin Dressen
Dr. Severin Dressen nahm den Preis stellvertretend für das ganzheitliche Naturschutz-Engagement des Zoo Zürich entgegen. Mit einer persönlichen Kindheitserinnerung – dem vergeblichen Versuch, als Junge mit einem Schmetterlingsnetz eine Fledermaus zu fangen – führte er ins Thema ein. Eindrücklich zeigte er, warum Arten- und Naturschutz dringlicher ist denn je: Rund 80 Prozent der Fluginsekten sind in Westeuropa in nur zwanzig Jahren verschwunden. Dabei komme dem Zoo eine besondere Rolle zu: Ein moderner Zoo, so Dressen, könne über vier Felder wirken – Artenschutz, Forschung, Bildung und Naturschutz vor Ort – und leiste dies vom Zürichberg bis zu Projekten auf der ganzen Welt. Dazu stellte er mehrere Projekte des Zoo Zürich vor, unter anderem in Sumatra, im Pantanal, in Kolumbien, mit dem Antarctic Research Trust, auf Madagaskar, in Thailand und in Kenia.
Zum Schluss schloss sich der Bogen und Dr. Severin Dressen begeisterte das Publikum für die Fledermäuse, die Underdogs der Natur, wie er sie nannten als uralte, hochspezialisierte Tiere, die als Indikatoren für gesunde Ökosysteme stehen und deren Schutz die Stiftung Fledermausschutz – unterstützt vom Zoo Zürich – seit 1998 vorantreibt.
Dr. Severin Dressen
Seit 2020 leitet der 38-jährige Dr. Severin F. Dressen den Zoo Zürich. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
Vor seiner Berufung nach Zürich war Severin Dressen von 2015 bis 2019 am Zoo Wuppertal tätig – zunächst als Kurator für Primaten und Nicht-Säuger, ab 2017 zusätzlich als stellvertretender Direktor. Erste kuratorische Erfahrung sammelte er bereits 2011 am Zoo Frankfurt sowie am Tierpark Berlin, jeweils als Kuratorassistent.
Den Grundstein für seine Laufbahn legte er zwischen 2006 und 2010 in einer Reihe internationaler Volontariate in Argentinien, in Valencia, auf Teneriffa und im Tierpark Berlin.
Severin Dressen studierte Biologie an der Humboldt-Universität zu Berlin (2007–2010) und absolvierte anschliessend einen Master in Ecology, Evolution and Conservation am Imperial College London (2011–2012). Von 2013 bis 2016 promovierte er an der University of Oxford mit einer Dissertation zum Thema «Space use patterns and population dynamics in two common European rodents».
«Die Stiftung Fledermausschutz Schweiz zeigt, was Menschen erreichen können, wenn sie sich mit Herzblut einer guten Sache verschreiben.»
Lieber Präsident, liebe Stiftungsräte der Stiftung STAB, geschätzte Mitglieder der Stiftung STAB und alle meine Freunde, herzlich willkommen.
Meine Ehrung im Oktober 2025 durch die Stiftung STAB hatte einen sehr grossen Widerhall gefunden. Nicht nur zahlreiche Printmedien haben darüber berichtet – sogar TeleZüri hat mich in einer Talkshow gewürdigt. Dass ich nun auch den Förderpreis zugunsten der Tierwelt einsetzen möchte, liegt auf der Hand: Er soll den Fledermäusen zugutekommen. Und so fiel mir sogar die Ehre zu, den Kandidaten für den Förderpreis zu nominieren.
Doch warum gerade diese Tierart? Die Geschichte begann in meiner frühen Jugendzeit. Die erste, nicht gerade rühmliche Begegnung mit Fledermäusen fand beim Landdienst in Obersaxen, Graubünden, statt. Damals herrschte die weit verbreitete Meinung, dass diese angeblich blutsaugenden und gefährlichen Tiere bei ihrem Auffinden sofort getötet werden müssten. Es war ein grässlicher Aberglaube. Mit sehr grossem Einsatz konnte diesem Irrglauben bis heute weitgehend entgegengewirkt werden. Mit öffentlichen Vorträgen leisteten Marianne Hafner und Hans-Peter Stutz Pionierarbeit.
Nach einem Vortrag in Zumikon sowie zahlreichen nächtlichen Exkursionen mit Marianne Hafner und Hans-Peter Stutz auf den Werdinseln an der Limmat und zu Fledermausquartieren von Fläsch über Schaffhausen bis in den Jura waren meine Frau und ich derart begeistert, dass wir beschlossen, bei der damals neu zu gründenden Stiftung mitzuwirken. Dank des damaligen Zoodirektors, Dr. Alex Rübel, konnte die Stiftung schon bald Räumlichkeiten im Zoo Zürich beziehen – nicht nur für Büroräume, sondern auch für die Schaffung einer grossen, informativen Fledermaus-Ausstellung.
Die Stiftung Fledermausschutz kann heute auf eine schweizerische Erfolgsgeschichte zurückblicken. Mit einem hervorragenden Team am Stiftungssitz im Zoo Zürich unter der Leitung von Dr. Hubert Krättli wird weit über die Landesgrenzen hinaus grossartige Arbeit geleistet. Die Begeisterung des neuen Zoodirektors Severin Dressen für den Fledermausschutz zeigt sich auch darin, dass er aktiv Einsitz im Stiftungsrat genommen hat.
Mit der Nomination von Severin Dressen für den Förderpreis verbinde ich die Hoffnung, dass die Erfolgsgeschichte des Fledermausschutzes in der Schweiz weiterhin mit derselben Begeisterung, Weitsicht und Tatkraft fortgeschrieben werden kann. Severin, dein grosses Engagement im Zoo Zürich für den Artenschutz und für die Anliegen unserer Stiftung macht dich zu einem würdigen Kandidaten.
Wenn ich heute auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicke, erfüllt es mich mit Freude und Dankbarkeit zu sehen, was aus einer anfänglichen Begeisterung für diese faszinierenden Tiere entstanden ist. Was einst mit wenigen engagierten Menschen begann, ist heute zu einer Institution geworden, die grosse Anerkennung findet. Ich wünsche mir, dass wir diesen Weg gemeinsam weitergehen können – zum Wohl der Fledermäuse, zum Schutz unserer Natur und als Zeichen dafür, was Menschen erreichen können, wenn sie sich mit Herzblut einer guten Sache verschreiben.
Mein ganz besonderer Dank gilt der Stiftung STAB. Mit ihrer Grosszügigkeit und ihrem Vertrauen ermöglicht sie es, Projekte zu realisieren, die nachhaltig wirken und weit über den Augenblick hinaus Bedeutung haben. Herzlichen Dank.
«Naturschutz beginnt dort, wo wir uns nicht abwenden.»
Lieber Martin, lieber Benno, lieber Severin, liebe Freundinnen und Freunde des Zoo Zürich, liebe Freundinnen und Freunde des Natur- und Artenschutzes
Es ist mir eine grosse Freude und Ehre, heute die Laudatio auf Dr. Severin Dressen halten zu dürfen – unseren Direktor des Zoo Zürich, unseren Kollegen, unseren Mitstreiter für Natur- und Artenschutz und heute den Preisträger des STAB-Förderpreises 2026.
Lieber Severin, dieser Preis geht an dich. Und doch wissen alle, die dich kennen: Du wirst ihn nicht als persönlichen Lorbeerkranz verstehen. Du wirst ihn verstehen als Würdigung einer Aufgabe – deiner Aufgabe –, als Anerkennung für eine Haltung und als Verpflichtung weiterzumachen.
Das passt zu dir, denn du bist keiner, der Naturschutz als Schlagwort verwendet. Du verstehst ihn als Arbeit – als tägliche, manchmal mühsame, oft unsichtbare, immer aber notwendige Arbeit. Du weisst: Natur schützt man nicht mit grossen Worten allein. Man schützt sie durch Wissen, durch Hartnäckigkeit, durch Zusammenarbeit, durch Institutionen, die Verantwortung übernehmen, und durch Menschen, die bereit sind, sich auch dann einzusetzen, wenn das Objekt dieses Engagements nicht immer rund läuft, nicht spektakulär auftritt und nicht immer unmittelbar Sympathie hervorruft.
Gerade deshalb ist es so schön, dass dieser Förderpreis dein Engagement für Fledermäuse würdigt. Fledermäuse sind faszinierende Tiere. Sie sind geheimnisvoll, fein, leise, hochspezialisiert und oft missverstanden. Sie leben nahe bei uns und bleiben uns doch fremd. Sie teilen unsere Städte, unsere Dörfer, unsere Gärten, unsere Dachstöcke, unsere Landschaften. Und dennoch wissen viele Menschen erstaunlich wenig über sie – genauso wie ich. Deshalb rede ich selbst nicht über die Fledermäuse. Man hört sie nicht, man sieht sie kaum. Und gerade weil sie sich unserer gewohnten Wahrnehmung entziehen, brauchen sie Menschen, die für sie sprechen. Menschen wie Severin.
Lieber Severin, du bist einer dieser Menschen. Der STAB-Förderpreis 2026 ehrt dich als Direktor des Zoo Zürich und als engagierten Förderer des Fledermausschutzes. Er ehrt aber auch eine Grundüberzeugung, die weit über eine einzelne Tierart hinausgeht: dass der Schutz der Natur dort beginnt, wo wir bereit sind, genau hinzuschauen. Nicht nur auf das Grosse, Mächtige und Offensichtliche, sondern auch auf das Kleine, Verletzliche und oft Unsichtbare.
Wir leben in einer Zeit, in der die grossen ökologischen Herausforderungen oft abstrakt wirken. Biodiversitätsverlust, Klimawandel, Lebensraumzerstörung, Artensterben – das sind Begriffe, die wir alle kennen und jeden Tag hören. Sie sind richtig, sie sind wichtig, und doch bleiben sie manchmal weit weg. Fledermäuse holen diese Themen zurück in unsere unmittelbare Nähe. Sie zeigen uns: Biodiversität ist nicht irgendwo, sie ist auch hier – über unseren Köpfen, in unseren Quartieren, in unseren Gärten, in unseren Scheunen, in unseren Mauerritzen, ja in unserem Lebensraum.
Und sie zeigen uns auch: Der Schutz einer Art ist nie nur der Schutz einer Art. Wer Fledermäuse schützt, schützt auch Lebensräume. Wer Fledermäuse schützt, schützt Insektenvielfalt. Wer Fledermäuse schützt, schützt ökologische Zusammenhänge. Wer Fledermäuse schützt, schützt ein stilles Gleichgewicht, von dem auch wir abhängig sind. Deshalb ist dieser Preis so treffend.
Lieber Benno Lüthi, dir gilt heute ebenfalls ein herzlicher Dank. Du hast Severin für den STAB-Förderpreis nominiert. Als STAB-Jahrespreisträger 2025 und als Mitbegründer der Stiftung Antarctic Research Trust bringst du selbst eine tiefe Glaubwürdigkeit in Fragen des Natur- und Umweltschutzes mit. Deine Nomination ist deshalb mehr als eine Empfehlung. Sie ist ein Zeichen der Anerkennung von einem Menschen, der weiss, was nachhaltiges Engagement bedeutet. Du hast mit deinem Vorschlag den Blick auf ein Engagement gelenkt, das exemplarisch ist: auf den Einsatz für Tiere, die keine Lobby haben, auf eine Institution, die Verantwortung übernimmt, und auf einen Direktor, der die Rolle eines modernen Zoos mit Substanz und Konsequenz lebt. Danke dafür.
Lieber Martin Vollenwyder, auch dir und der Stiftung STAB danke ich herzlich. Mit diesem Förderpreis wird nicht nur eine Person ausgezeichnet – es wird ein Thema ins Licht gerückt. Und manchmal ist genau das die wichtigste Wirkung eines Preises: Er macht sichtbar, was sonst im Verborgenen bleibt. Er gibt Bedeutung. Er schafft Aufmerksamkeit. Er sagt: Schaut hin – hier geschieht etwas Wichtiges. Hier übernehmen Menschen Verantwortung. Hier wird Zukunft nicht nur diskutiert, sondern gestaltet.
Der Zoo Zürich ist stolz, dass sein Direktor heute auf diese Weise gewürdigt wird. Und ich sage das nicht nur als Vizepräsidentin des Verwaltungsrates, ich sage es auch als Mensch, der tief davon überzeugt ist, dass ein moderner Zoo heute eine der anspruchsvollsten gesellschaftlichen Aufgaben erfüllt. Er muss Brücken bauen: Brücken zwischen Mensch und Tier, Brücken zwischen Emotion und Wissenschaft, Brücken zwischen Erleben und Erkenntnis, Brücken zwischen Begeisterung und Verantwortung, Brücken zwischen lokalem Handeln und globalen Herausforderungen.
Ein moderner Zoo ist längst nicht mehr einfach ein Ort, an dem Tiere gezeigt werden. Ein moderner Zoo ist ein Bildungsort, ein Forschungsort, ein Kompetenzzentrum für Artenschutz, ein Partner im Naturschutz und ein Ort, an dem Menschen Natur nicht nur betrachten, sondern verstehen lernen. Und genau dafür steht der Zoo Zürich.
Lieber Severin, seit du die Leitung des Zoo Zürich übernommen hast, führst du diesen Ort mit einer klaren Haltung. Denn ein Zoo darf nicht stehen bleiben. Er muss sich weiterentwickeln. Er muss erklären, warum es ihn gibt, warum es ihn braucht. Er muss auch kritische Fragen ernst nehmen. Er muss wissenschaftlich stark sein, emotional berühren und gesellschaftlich relevant bleiben. Und er muss zeigen, dass Tierhaltung heute immer mit Verantwortung verbunden ist – gegenüber dem einzelnen Tier, gegenüber der Art, gegenüber dem Lebensraum und gegenüber den Menschen, die zu uns kommen.
Du tust das mit einer bemerkenswerten Mischung aus wissenschaftlicher Präzision, strategischem Denken und vor allem persönlicher Überzeugung. Du bist Biologe, man spürt das. Du denkst in Zusammenhängen. Du schaust nicht nur auf das einzelne Tier, sondern auf das System, in dem es lebt. Du fragst nicht nur: Was sehen die Besucherinnen und Besucher? Du fragst: Was verstehen sie nach dem Besuch? Was nehmen sie mit? Was denken sie zu Hause? Welche Haltung entsteht? Welche Verantwortung wächst?
Gleichzeitig bist du ein Kommunikator. Du kannst komplizierte Zusammenhänge zugänglich machen, ohne sie zu vereinfachen. Du kannst Menschen für Themen gewinnen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht spektakulär wirken. Und du hast den Mut, auch unbequeme Diskussionen zu führen – sachlich, klar und mit Respekt. Das ist eine grosse Qualität, Severin. Danke dafür.
Denn der Zoo Zürich bewegt sich mitten in gesellschaftlichen Fragen, die nicht einfacher werden. Wie gehen wir mit Wildtieren um? Welche Verantwortung haben wir für Arten, deren Lebensräume schwinden? Welche Rolle spielt die Forschung? Wie schaffen wir Bildung, die nicht belehrt, sondern berührt? Wie verbinden wir Freizeit, Erlebnis und Verantwortung? Wie können wir aus einem Zoobesuch mehr machen als einen schönen Tag – nämlich einen Impuls für ein anderes Verständnis der Natur?
Lieber Severin, du stellst dich diesen Fragen, und du stellst sie auch uns: dem Verwaltungsrat, der Geschäftsleitung, den Mitarbeitenden, den Partnerorganisationen, der Öffentlichkeit. Das ist nicht immer bequem, aber es ist dringend notwendig. Und vielleicht ist genau das ein Teil deiner Stärke: Du suchst nicht den einfachsten Weg. Du suchst den richtigen Weg, den begründbaren Weg, den Weg, der auch in 10 oder 20 Jahren noch Bestand haben soll – also auch für unsere Nachkommen.
Beim Fledermausschutz wird diese Haltung besonders sichtbar. Der Zoo Zürich gewährt der Stiftung Fledermausschutz seit vielen Jahren einen Ort, eine Plattform und eine Nähe zum Publikum. Die Fledermauswelt im Zoo Zürich ist ein Informations- und Ausbildungszentrum, in dem Menschen die Biologie, die Bedrohung und den Schutz einheimischer Fledermäuse kennenlernen dürfen. Gleich daneben befindet sich die Notpflegestation, in der kranke, verletzte oder geschwächte Fledermäuse betreut werden. Das ist gelebter Artenschutz – nicht abstrakt, nicht theoretisch, sondern konkret und lebendig.
Da wird ein verletztes Tier aufgenommen, da wird gepflegt, da wird gefüttert, da wird erklärt, da werden Ängste abgebaut, da werden Vorurteile korrigiert, da entsteht Wissen, da entsteht Respekt. Und manchmal beginnt Naturschutz genau so: mit einer Begegnung, die etwas verändert. Ein Kind sieht eine Fledermaus aus der Nähe – und dieses Tier ist gar nicht so unheimlich, es ist wunderbar. Eine Besucherin erfährt, wie wichtig Fledermäuse für unser Ökosystem sind. Ein Hausbesitzer versteht, warum ein Dachstock nicht einfach ein leerer Raum ist, sondern Lebensraum sein kann. Eine Familie lernt, was zu tun ist, wenn sie eine geschwächte Fledermaus findet. Ein junger Mensch entdeckt vielleicht sogar ein Interesse an Biologie, Forschung oder Naturschutz.
Das sind die kleinen Momente. Aber aus diesen kleinen Momenten entstehen oft Haltungen, und aus Haltung entsteht Veränderung. Lieber Severin, dein Engagement als Stiftungsrat der Stiftung Fledermausschutz zeigt, dass du Verantwortung nicht an den Grenzen deiner Funktion enden lässt. Du verstehst den Zoo nicht als isolierte Institution, sondern als Teil eines Netzwerks, eines Ganzen.
Und genau solche Netzwerke brauchen wir heute mehr denn je. Kein Zoo, keine Stiftung, keine Behörde, kein Verein und keine Einzelperson kann diese grossen Herausforderungen allein lösen. Artenschutz gelingt nur gemeinsam: mit Fachwissen, mit Freiwilligenarbeit, mit Forschung, mit politischer Unterstützung, mit finanzieller Förderung, mit Bildungsarbeit, mit Geduld und mit Menschen, die bereit sind, über ihre eigene Organisation hinauszudenken.
Der Fledermausschutz in Zürich ist dafür ein wunderbares Beispiel. Sie alle gehören dazu: Er verbindet den Zoo Zürich, die Stiftung Fledermausschutz, den Zürcher Tierschutz und viele weitere engagierte Menschen. Er verbindet professionelle Strukturen mit persönlichem Einsatz. Er verbindet Pflege mit Bildung. Er verbindet Wissenschaft mit Alltag. Er verbindet Tiere, die im Dunkeln leben, mit einer Öffentlichkeit, die lernen darf, sie neu zu sehen.
«Fledermäuse fordern uns heraus, unser Verständnis von Schönheit zu erweitern. Nicht alles, was schützenswert ist, ist auf den ersten Blick niedlich und süss.»
Das ist vielleicht eine der schönsten Aufgaben eines modernen Zoos: sichtbar zu machen, was sonst unsichtbar bleibt. Fledermäuse leben im Übergang zwischen Tag und Nacht, zwischen Mythos und Wissenschaft, zwischen Nähe und Distanz. Sie erinnern uns daran, dass die Natur nicht nur dort existiert, wo wir sie als Landschaft bewundern. Sie existiert auch im Verborgenen – in den Ritzen, in Spalten, im Dunkeln, ja in Zwischenräumen.
Vielleicht liegt gerade da die besondere Kraft der Fledermäuse. Sie fordern uns heraus, unser Verständnis von Schönheit zu erweitern. Nicht alles, was schützenswert ist, ist auf den ersten Blick niedlich und süss. Nicht alles, was wichtig ist, ist laut. Nicht alles, was bedroht ist, zeigt uns sein Leiden. Und nicht alles, was wir erhalten müssen, drängt sich offensichtlich auf. Fledermäuse bitten nicht um Aufmerksamkeit. Also müssen wir sie ihnen geben.
Lieber Severin, du tust genau das: Du gibst ihnen Aufmerksamkeit, du gibst ihnen Raum, du gibst ihnen Bedeutung, und du hilfst mit, dass aus Faszination Verantwortung wird. Dabei steht dein Engagement für Fledermäuse beispielhaft für ein grösseres Verständnis von Naturschutz. Es geht nicht nur darum, einzelne Arten zu retten. Es geht darum, Beziehungen neu zu denken: die Beziehung des Menschen zur Natur, die Beziehung von Stadt und Wildtier, die Beziehung von Wissen und Handeln, die Beziehung von Institutionen und Gesellschaft.
Der Zoo Zürich hat in seiner Geschichte immer wieder gezeigt, dass er mehr sein will als ein Ort der Tierbegegnungen. Er will ein Ort der Verantwortung sein. Ein Ort, an dem Mensch und Natur zu vereinen sind. Ein Ort, der nicht nur fragt, welche Tiere wir zeigen, sondern auch, welche Wirkung wir erzielen. Unter deiner Leitung, lieber Severin, wird dieser Anspruch klar weitergeführt. Du denkst den Zoo als Organisation, die sich ständig weiterentwickeln muss – manchmal durchaus anspruchsvoll für den Verwaltungsrat.
Du verstehst, dass Glaubwürdigkeit nicht behauptet werden kann. Sie muss jeden Tag neu verdient werden: durch gute Tierhaltung, durch wissenschaftliche Kompetenz, durch transparente Kommunikation, durch echte Partnerschaften, durch Naturschutzprojekte und durch den Willen, auch sich selbst immer wieder kritisch zu prüfen. Gerade deshalb ist deine Stimme so wichtig. Du sprichst nicht aus Nostalgie für Zoos. Du sprichst aus Verantwortung für ihre Zukunft. Du verteidigst nicht ein Modell der Vergangenheit. Du entwickelst ein Modell für die Zukunft – ein Modell, in dem Zoos Orte der Bildung, Forschung, Erhaltung und gesellschaftlichen Auseinandersetzung sind.
Das ist anspruchsvoll, und es braucht Führung. Führung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, immer die lauteste Stimme zu haben. Führung bedeutet, Orientierung zu geben, Fachlichkeit zu stärken, Menschen mitzunehmen – und auch ruhig und klar zu bleiben, wenn Fragen komplex sind. Führung bedeutet, nicht nur für den Moment zu entscheiden, sondern für die nächste Generation mitzudenken.
Lieber Severin, genau diese Führung leistest du. Und sie zeigt sich nicht nur in grossen Projekten, in neuen Lebensräumen, in strategischen Entwicklungen oder in öffentlichen Auftritten. Sie zeigt sich auch in der Art, wie du Themen ernst nimmst, die keine einfache Bühne sind. Der Fledermausschutz ist ein solches Thema. Dass der STAB-Förderpreis 2026 diesen Einsatz würdigt, ist deshalb ein starkes Zeichen. Es sagt: Auch das Leise zählt. Auch das Verborgene ist bedeutsam. Auch die Tiere der Nacht gehören dazu. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung. Es sagt: Naturschutz beginnt dort, wo wir uns nicht abwenden.
Lieber Severin, Preise sind schöne Momente. Sie sind Momente des Innehaltens, Momente des Dankens, Momente der öffentlichen Anerkennung. Aber gute Preise sind nie nur Rückblick. Sie sind immer auch Auftrag und Zukunft. Dieser Preis sagt: Weiter so. Bleib unbequem, wo es nötig ist. Bleib klar, wo es komplex wird. Bleib wissenschaftlich, wo Emotionen dominieren. Bleib zugänglich, wo Fachwissen Distanz schaffen könnte. Bleib mutig, wo Institutionen manchmal lieber vorsichtig wären. Und bleib den Tieren verpflichtet – auch jenen, die keine Stimme haben.
Wir als Zoo Zürich sind dankbar, dass du diese Aufgabe mit so viel Substanz wahrnimmst. Wir sind dankbar für deine Energie, deine Klarheit, deine Begeisterung und für deine Bereitschaft, den Zoo Zürich nicht einfach zu verwalten, sondern weiterzudenken. Wir sind dankbar, dass du den Anspruch des modernen Zoos ernst nimmst, und wir sind dankbar, dass du dich auch Themen widmest, die vielleicht nicht immer im Rampenlicht stehen. Aber für die Glaubwürdigkeit unseres Auftrags ist das zentral.
Denn am Ende geht es genau darum: um Glaubwürdigkeit. Ein Zoo ist dann glaubwürdig, wenn seine Botschaften und sein Handeln übereinstimmen. Wenn er nicht nur von Artenschutz spricht, sondern Artenschutz ermöglicht und lebt. Wenn er nicht nur Bildung anbietet, sondern Verständnis schafft. Wenn er nicht nur Tiere zeigt, sondern Beziehungen stiftet. Wenn er nicht nur Besucherinnen und Besucher zählt, sondern Wirkung erzeugt.
Der Fledermausschutz zeigt diese Wirkung in besonders schöner Weise. Er macht aus einem oft missverstandenen Tier einen Botschafter für Biodiversität. Er macht aus einem Pflegefall eine Lernchance. Er macht aus einer Ausstellung einen Ort des Staunens. Er macht aus einer Notpflegestation ein Zeichen der Verantwortung. Und er macht aus Zusammenarbeit eine konkrete Verbesserung für Tier und Mensch.
Lieber Severin, dafür wirst du heute ausgezeichnet. Nicht nur für eine Funktion, nicht für einen Titel, sondern für eine Haltung. Deine Haltung. Die Haltung, dass Wissen verpflichtet. Die Haltung, dass Institutionen Verantwortung tragen. Dass Naturschutz lokal beginnt und global wirkt. Dass auch das Kleine gross ist, wenn man es richtig betrachtet. Die Haltung, dass ein moderner Zoo ein Ort der Zukunft sein muss.
Ich möchte zum Schluss noch einmal auf die Fledermäuse zurückkommen. Sie orientieren sich in der Dunkelheit. Sie senden Signale aus, empfangen Antworten und finden so ihren Weg. Vielleicht ist das ein schönes Bild für das, was wir im Natur- und Artenschutz brauchen – und in unserem Leben nötig hätten. Wir müssen Signale aussenden, wir müssen genau zuhören, wir müssen die Antworten der Natur ernst nehmen, und wir müssen daraus unseren Weg finden. Das wünsche ich uns allen.
Severin, du sendest solche Signale aus – mit deinem Denken, mit deiner Arbeit, mit deiner Führung, mit einem riesigen Engagement. Herzliche Gratulation!
Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Martin, sehr geehrtes Kuratorium und sehr geehrter Stiftungsrat der Stiftung STAB, lieber Benno, liebe Monika, sehr geehrte Gäste
Es ist natürlich eine unglaubliche Ehre, diesen Förderpreis heute zu erhalten. Aber Monika hat es schon vorausgeahnt: Ich möchte ihn eigentlich gar nicht für mich selber annehmen, sondern für das Engagement des Zoos in einer ganzheitlichen Art und Weise. Das Engagement des Zoos auf der einen Seite für die Fledermäuse und für den Fledermausschutz, aber auch das holistische Engagement des Zoos für den Naturschutz, den der Zoo jetzt seit fast 100 Jahren betreibt.
Deswegen möchte ich in meinem Vortrag noch einmal aufzeigen, warum es Arten- und Naturschutz dringlicher denn je braucht – und wie ein moderner Zoo diesen macht, hier in Zürich bei uns am Zürichberg, aber auch global. In der zweiten Hälfte des Vortrags habe ich dann das erklärte Ziel, alle, die noch nicht erklärte Fledermaus-Fans sind, zu Fledermaus-Fans zu machen. Denn die Underdogs der Tierwelt brauchen unsere Lobby.
Bevor ich damit einsteige, von meiner Seite neben dem Dank an die Stiftung STAB noch zwei Sachen in eigener Sache: Benno hat es eben selber ausgeführt – oder wie Sie spätestens seit dem letzten Preis an ihn wissen: Er ist im Antarctic Research Trust nicht nur beheimatet, sondern dessen Gründer, die Person, die den Trust zu dem gemacht hat, was er heute ist. Ich komme danach noch kurz auf diese Arbeit zu sprechen. Er hat Ihnen heute auch schon mitgeteilt, dass ihm das nicht genug ist, sondern dass er schon seit Jahrzehnten im Fledermausschutz selber tätig ist.
Und wenn man denkt, gut, das sollte eigentlich reichen, dann verkennt man dabei, dass Benno seit 25 Jahren bei uns im Zoo – zum Teil mehrmals pro Woche – ganz aktiv in der Tierpflege mitarbeitet und sogar bei besonderen Anlässen wie dem Sechseläuten Jahr für Jahr wieder Verantwortung übernimmt. Benno ist also ganz persönlich ein riesiges Vorbild, was persönlichen, ideellen, aber auch ganz pragmatischen, aktiven Einsatz für Tiere und Naturschutz angeht. Ganz, ganz herzlichen Dank, dass du an mich gedacht hast.
Mut zur Innovation
Und auch ein Dank an Monika Friedli-Walser als meine Laudatorin, quasi stellvertretend für den Verwaltungsrat. Auf wunderbare Weise hat sie – unsere Reden waren nicht abgestimmt – etwas eingefügt, das ich gerne aufnehme: Der Zoo Zürich zeichnet sich seit Jahrzehnten durch eine extrem wichtige Eigenschaft aus, und das ist der Mut. Es ist der Mut zur Innovation. Nur wenn ich mutig genug bin, etwas Neues zu wagen, mich auf einen neuen Weg zu begeben, etwas Neues auszuprobieren – sei es im Baulichen oder in einer Haltungsfrage –, nur wenn ich bereit bin zu scheitern, dann kann Innovation passieren.
Das ist eine Haltung, die man vielleicht nicht mehr allzu häufig in der Gesellschaft findet, und umso mehr ist es ein riesiges Privileg, für einen Zoo arbeiten zu dürfen, in dem der Verwaltungsrat seit Jahrzehnten eine solche Haltung lebt. Das hat sich schon im Masoala Regenwald manifestiert, der vor 30 Jahren konzipiert und vor 23 Jahren eröffnet wurde – damals ein Novum, so innovativ, dass er noch heute Goldstandard ist. Diese Haltung hat sich durch die letzten Jahrzehnte im Verwaltungsrat gezogen und wird auch heute ganz aktiv gelebt. Als kleines Beispiel: im letzten Jahr der neu eröffnete Insektenwald – ein Novum, etwas Neues, etwas, das scheitern kann, in diesem Fall aber einmal mehr belohnt wurde. Ein riesiges Dankeschön für diesen Mut, den der Verwaltungsrat jeden Tag aufs Neue in diesem Zoo beweist.
Ich rede nicht gerne über mich selbst und werde es nur ganz kurz am Anfang tun, dann vor allem über den Zoo, über Naturschutz und schliesslich über Fledertiere. Aber – und das kann Benno nicht wissen – es passt wunderbar, dass ich diesen Preis bekomme, natürlich stellvertretend, aber auch auf eine persönliche Note für die Fledermäuse.
Ich bin einer, der seit seinen Kindertagen weiss, dass er Zoodirektor werden wollte. Tatsächlich haben mich am Anfang aber nicht die exotischen Tiere in der fernen Welt motiviert – die kannte ich gar nicht, wir sind nicht dorthin gereist –, sondern es waren die Tiere im heimischen Garten, die mich für die Natur begeistert haben. Es war die Erdkröte, die Jahr für Jahr in unseren kleinen Tümpel zurückkam. Es war die Eintagsfliege, die monatelang im Wasser lebt und dann plötzlich nur für wenige Stunden an die Luft kommt.
Als ich meinen Eltern erzählt habe, dass ich heute diesen Preis für Fledermäuse bekomme, hat mein Vater nur laut gelacht und mich an eine Geschichte erinnert, die ich erfolgreich verdrängt hatte. Als Primarschüler nahmen wir in der Schule das Thema Fledermäuse durch – wie sie sich mit Ultraschall im Raum orientieren, jedem Gegenstand in Echtzeit ausweichen können. Ich kam nach Hause, war begeistert und erzählte immer wieder davon. Und ich beschloss: Heute Abend fange ich eine solche. Ich holte mir einen langen Stock, band ein Schmetterlingsnetz daran und lief dann unter der Strassenlaterne vor unserem Haus, wo abends die Fledermäuse rumflogen, um Insekten zu fangen, stundenlang herum und versuchte, eine Fledermaus zu fangen. Bis irgendwann mein Vater mit einem halb mitleidigen, halb ernsten Blick zu mir kam und sagte: “Sohn, du hast das Konzept des Ultraschalls anscheinend nicht verstanden.” Ich habe nie eine Fledermaus gefangen, aber die Tiere haben mich trotzdem begeistert.
Gleichzeitig ging meine Begeisterung über die Tiere hinaus, als ich verstanden habe, was für ein Potenzial ein Zoo hat: dass er nämlich nicht nur ein Ort für Tiere ist, sondern auch ein Ort für Menschen. Das sind Bilder aus einem Zoo, der mich in den frühen Jahren sehr geformt hat – Burgers’ Zoo auf der holländischen Seite der Grenze, in der Nähe von Arnheim, wo ich aufgewachsen bin. Der Zoo hat solche Ökosystemhallen in ähnlicher Form wie wir. Und wie begeistert die Menschen in diesem Raum sind – das hat mich noch einmal bestärkt, diesen Weg in Richtung Zoo weiterzugehen. Und das passt wunderbar, denn genau das ist der Leitspruch des Zoos seit Jahrzehnten: «Wenn wir den Menschen die Schönheit der Natur näherbringen, dann sind wir bereit, sie zu schützen.»
Die kleinen Insekten und Pflanzen brauchen eine Lobby
Müssen wir das tun – den Menschen die Schönheit der Natur näherbringen? Die einfache Antwort ist ja. Wir leben im Zeitalter von uns Menschen. Wir sind die Art, die den Planeten dominiert. Das lässt sich an einer eindrücklichen Zahl festmachen: Wenn man sich die Biomasse anschaut, also alle Kilos aller Landsäugetiere inklusive uns Menschen zusammenrechnet, dann machen alle Elefanten, alle Giraffen, alle Nashörner dieser Welt nur noch 3 Prozent aus. Und die anderen 97 Prozent – das sind wir Menschen und insbesondere unsere Nutztiere.
Mit einer solchen rein quantitativen Präsenz und dem Anspruch auf entsprechende Ressourcen kommt automatisch ein gewisser Zielkonflikt mit der Biodiversität. Deswegen steigt Jahr für Jahr die Anzahl bedrohter Arten. Und man muss sich immer vor Augen führen, dass von den Millionen Arten da draussen nur ein Bruchteil so gut verstanden ist, dass wir ihren Bedrohungsstatus wirklich quantifizieren und wissenschaftlich bewerten können. Wir Menschen sind verantwortlich für das Artensterben – zumindest für 99,9 Prozent der Fälle. Es gibt Studien, die sagen, dass wir pro Tag 150 Arten verlieren. Natürlich nicht die charismatischen Eisbären oder Giraffen – da ginge ein Aufschrei durch die Bevölkerung –, sondern es sind die kleinen Pilze, die kleinen Insekten, die kleinen Pflanzen, die keine Lobby haben, die aber für ein funktionierendes Ökosystem vielleicht viel wichtiger sind als die grossen, charismatischen Säugetiere.
Wir Menschen sind der Grund dafür, dass das so ist. Und wir sind gleichzeitig die einzige Art auf diesem Planeten, die Verantwortung für andere Arten übernehmen kann. Ein Orang-Utan kann keine Verantwortung für eine Antilope oder für einen Vogel übernehmen. Wir können das. Und wenn Ihnen das jetzt zu viel ideelles Geschwafel ist – warum sollte ich mich um andere Tiere kümmern, mir geht es ja gut? –, dann sollte gelebter Arten- und Biodiversitätsschutz das Egoistischste sein, was wir als Menschheit tun. Denn wir Menschen hängen fundamental von funktionierenden Ökosystemen ab, und wir verstehen diese Ökosysteme überhaupt nicht. Wir haben keine Ahnung, auf welche Arten wir verzichten können, und welche Schlüsselarten sind, deren Verlust Ökosysteme zum Kollabieren bringt. Die Tragik liegt darin, dass es, wenn ein Ökosystem einmal kollabiert, zu spät ist – dann können wir die Art nicht mehr zurückbringen. Deswegen ist aktiver Biodiversitätsschutz etwas zutiefst Egoistisches, wenn wir unser eigenes Überleben als Menschheit gewährleisten wollen.
Wenn Ihnen das zu theoretisch und abstrakt ist, dann möchte ich Ihnen dieses Bild mitgeben, das ich häufig verwende: Wenn Sie heute mit dem Auto hierhergefahren sind, am 4. Juli durch diese wunderschöne Schweizer Landschaft, und wenn Sie jetzt gedanklich dieselbe Fahrt vor 20 Jahren machen, dann gibt es einen grossen Unterschied. Vor 20 Jahren wäre bei einer Fahrt Anfang Juli durch die Schweiz die Windschutzscheibe voller toter Insekten gewesen. Heute hatten Sie vielleicht ein, vielleicht zwei, wahrscheinlich eher kein totes Insekt an der Scheibe. Der Hauptgrund: Wir haben in den letzten 20 Jahren – nicht nur in der Schweiz, sondern grundsätzlich in Westeuropa – 80 Prozent der Fluginsekten verloren. Und wenn man in so kurzer Zeit so viel verliert, dann kann das nicht gut sein. Dafür sind die Ökosysteme viel zu sehr aufeinander abgestimmt.
Was ein moderner Zoo leisten kann
Ein moderner Zoo kann dazu einen unglaublich wichtigen Beitrag leisten. Er kann das nicht allein lösen – das darf nie der Anspruch eines Zoos sein. Aber ein moderner Zoo kann einen Beitrag leisten, weil er als einzige Institutionsform eine Naturschutzorganisation ist, die gleichzeitig vier Felder bewirtschaften kann. Keine andere Organisation kann das. Eine klassische, universitäre Forschungseinrichtung kann Forschung in einer Intensität und Qualität betreiben, wie das ein Zoo nie könnte – hat aber immer das Problem: Wie findet sie den Weg nach draussen, wie findet sie den Weg in die Gesellschaft? Und Universitäten, die etwa in der Biologie forschen, haben nicht das Know-how, Tiere zu halten, Tiere zu züchten und draussen Ökosysteme zu bewahren. Das nur als Beispiel für den Vorteil eines Zoos, der genau diese vier Aspekte verbinden kann.
Was heisst das konkret? Ich gehe zuerst auf die drei Aufgaben ein, die im Zoo selber behandelt werden, um danach mit dem Habitatschutz, dem sogenannten In-situ-Naturschutz, nach draussen zu gehen – denn da kommen dann auch die Fledermäuse ins Spiel.
Artenschutz
Im Artenschutz, der Name sagt es, geht es ganz konkret darum, dass einzelne bedrohte Arten erhalten werden. Das macht ein Zoo nicht allein, sondern das sind Hunderte Zoos, die das gemeinsam – häufig in Kontinentalverbänden – tun, damit von den bedrohten Arten genetisch stabile Populationen existieren, die dann im Best Case wieder genutzt werden können, um diese Tierarten wiederanzusiedeln.
Forschung
Das Zweite ist die Forschung. Der Zoo hat da ein unglaubliches Potenzial, weil wir von den Millionen Arten da draussen wirklich nur wenige Hundert so im Detail verstehen, dass wir sagen können: Jetzt verstehen wir die Biologie, jetzt können wir sie draussen effektiv schützen. Wir müssen die Biologie der Tierarten verstehen, um sie zu schützen. Das sehen wir gerade bei den Fledermäusen ganz klar: Wenn wir nicht wissen, was die Tiere brauchen, welche Bedürfnisse sie haben, dann können wir keinen aktiven Naturschutz vor Ort machen. Ein Zoo hat da ein unglaubliches Potenzial – nicht nur, weil wir die Tiere haben, etwa wenn wir in Kooperation mit der Universität Zürich die Kommunikation bei Erdmännchen erforschen, sondern weil wir auch solche Lebensräume haben. Die ETH testet bei uns eine Drohne, die in unserem Masoala Regenwald dafür kalibriert wurde, in den Tropen dieser Welt die Biodiversität zu kartografieren, indem sie Oberflächen-Swabs (Oberflächen-Abstrich) von den Bäumen in 40, 50 Metern Höhe nimmt und diese direkt analysiert – sogenannte Environmental DNA, also Überbleibsel von egal welchem Tier, das sich davor dort aufgehalten hat. So können wir Biodiversität kartografieren in einer Art und Weise, wie das vorher nie möglich war.
Im Zoo werden gerade über 120 verschiedene Forschungsprojekte durchgeführt, ganz unterschiedlicher Couleur und aus ganz unterschiedlichen Fachdisziplinen – mit einem starken Fokus auf unseren lokalen beziehungsweise nationalen Forschungspartnern, aber tatsächlich auch von Universitäten aus der ganzen Welt, die zu uns kommen und unsere Infrastruktur nutzen. Eine Infrastruktur, die wir vor anderthalb Jahren hinzufügen durften und die unsere Forschungskapazität noch einmal ausbaut, sind die sogenannten Klimakammern. Wir haben dort sechs Räumlichkeiten, in denen wir Temperatur und Luftfeuchtigkeit bis aufs Grad kontrollieren können, sodass wir Fragestellungen beantworten können, die man in einem normalen Labor nicht beantworten könnte. Eine solche Struktur gibt es an ganz wenigen Orten auf dieser Welt und in dieser Form sicherlich kein zweites Mal in ganz Europa – was auch der Grund ist, warum Universitäten aus anderen Ländern zu uns kommen und bei uns forschen.
Bildung
Die dritte Aufgabe ist die Bildung. Der Zoo Zürich durfte im letzten Jahr über 1,3 Millionen Gäste willkommen heissen. Alle acht wissenschaftlich geleiteten Zoos in der Schweiz zählen 4,5 Millionen Gäste pro Jahr. Jeder zweite Schweizer, jede zweite Schweizerin geht einmal pro Jahr in diese Zoos. Das ist ein unglaubliches Potenzial, denn wir Menschen funktionieren nach einem ganz simplen Mechanismus: Wir schützen das, was wir kennen. Wir schützen das, was uns nahe ist. Wir schützen das, wofür wir Emotionen haben. Wenn uns etwas berührt, wenn uns etwas begeistert, dann sind wir bereit, uns einzusetzen.
Das ist vor allem dann möglich, wenn wir die Menschen in den Lebensraum hineinnehmen. Das ist reine Psychologie: Ich habe zwar das Gefühl, ich dürfe das Tier nicht anfassen – aber ich habe das Gefühl, ich könnte es. Ich höre es, ich rieche es, ich merke, wie es atmet, ich tauche in denselben Lebensraum ein. Wenn Sie unseren Zoo und die Pinguinparade kennen, ist das ja fast schon abstrus: Die gleiche Art, die ich über ein kleines Mäuerchen hinweg jeden Tag sehen kann, wo keine trennende Barriere ist, begeistert mich plötzlich, wenn das Tier in meinen Lebensraum kommt, wenn ich das Gefühl hätte, ich könnte es anfassen, es könnte zu mir kommen. Und diese Begeisterung wollen wir nutzen.
Jetzt komme ich zu dem Punkt, der den Zoo Zürich seit Jahrzehnten auszeichnet: die Erkenntnis, dass Naturschutz zwar ganz viel im Zoo passiert, aber halt auch darüber hinaus. Wir sind inzwischen mit Projekten auf der ganzen Welt vertreten. Eines davon – die Fledermäuse – ist unser einziges Projekt in der Schweiz – ganz bewusst –, das wir seit Jahrzehnten unterstützen. Ich möchte Ihnen kurz die weiteren Projekte vorstellen, um die Breite des Naturschutz-Engagements zu zeigen, das der Zoo leistet und das es braucht, um Naturräume zu erhalten – bevor ich dann zu den Fledermäusen komme.
Sumatra: Lebensraum für Orang-Utans
Beginnen möchte ich mit unserem Projekt auf Sumatra. Sumatra hat die grosse Herausforderung, dass die globale Menschheit einen enormen Durst nach Palmöl hat. Dementsprechend werden dort grosse Lebensräume zerstört. Der Zoo Zürich unterstützt seit fast 20 Jahren die unglaublich tolle Arbeit von PanEco, die sich nicht nur der verletzten, gewilderten oder verwaisten Orang-Utans annimmt, die im Rahmen dieser Lebensraumzerstörungen eingeliefert werden, sie aufpäppelt und wieder auswildert – was bei Orang-Utans eine der komplexesten Aufgaben ist –, sondern die in den letzten Jahren auch immer mehr darum bemüht ist, grosse Lebensräume für genau solche Auswilderungen zu sichern und so einen ganzheitlichen Habitatschutz auf Sumatra voranzutreiben. Gerade jetzt war Sumatra von schweren Regenfällen und Erdrutschen betroffen. Wir sind froh, dass wir einmal mehr Soforthilfe im Wiederaufbau der Infrastruktur leisten und die Arbeit der Kolleg*innen unterstützen können.
Pantanal: Nisthilfen für Hyazinth-Aras
Das zweite Projekt, eines unserer neueren, ist das Pantanal. Wer schon einmal dort war: eine wunderschöne Landschaft, eines der grössten Feuchtgebiete, die es noch auf dieser Welt gibt – und gleichzeitig mit grossen Herausforderungen. Da sind die Rinderzucht, der Sojaanbau und vor allem die zunehmende Trockenheit, die für einen starken Ausbau an Bränden sorgt. Das führt dazu, dass Niststrukturen von Hyazinth-Aras, einer extrem charismatischen Tierart, nicht mehr existieren – sie brauchen diese alten, grossen Bäume. Wir unterstützen dort seit einigen Jahren ein Projekt, das ganz aktiv neue Nisthilfen schafft und dafür sorgt, dass die Jungtiere besser aufwachsen und mehr Küken überleben. Das führt dazu, dass inzwischen 20 Prozent des gesamten Hyazinth-Ara-Weltbestandes im Pantanal leben und das Gebiet ein ganz wichtiger Rückzugsort für diese Art ist.
Amphibian Survival: Rettung bedrohter Amphibien
Das dritte Projekt befindet sich in Kolumbien, einem Hotspot der Biodiversität. Es gibt dort sehr viele Arten, die nur in diesem Bereich in hoher Dichte vorkommen. Gleichzeitig ist Kolumbien ein Land mit vielen Herausforderungen, unter anderem der der politischen Situation, die die Naturschutzarbeit erschwert. Dazu kommt der sogenannte Chytridpilz, der für ein Amphibienmassensterben gerade in der Neuen Welt sorgt, was in einem Land wie Kolumbien mit ganz vielen Frosch- und Amphibienarten, die nur dort vorkommen, extrem schwierig ist. Deswegen unterstützt der Zoo seit 20 Jahren das Projekt Amphibian Survival, das solche hochbedrohten Frösche wie zum Beispiel den Lehmann’s Baumsteiger aus der Natur nimmt, sie erforscht, besser versteht, dokumentiert und in Zuchtanlagen nachzüchtet – und sie dann, wenn sich die Situation verbessert hat, etwa wenn der Pilz nicht mehr nachgewiesen werden kann, wiederansiedelt.
Antarctic Research: Forschung und Renaturierung
Die nächsten drei Projekte sind bei uns im Zoo vielleicht etwas präsenter. Ich fange mit dem Antarctic Research Trust an. Ich halte mich kurz, denn man sollte nie vor dem Gründer einer Organisation über die Organisation reden. Im Kern haben wir auf der Südhalbkugel eine grosse Verschmutzungsproblematik und gleichzeitig eine Tiergruppe, die ebenfalls sehr wenig verstanden ist, da sie schwierig zu erforschen ist – das gilt für die Pinguine genauso wie für andere Meeresvögel in diesem Ökosystem. Der Antarctic Research Trust betreibt dort seit Jahrzehnten nicht nur Pionierarbeit in der Forschung und ist inzwischen einer der wichtigsten Player weltweit, wenn es um die wissenschaftliche Erforschung solcher Tierarten geht, sondern hat auch damit begonnen, ganz aktiven Naturschutz zu betreiben, etwa auf der Insel Hummock. Dort werden Renaturierungen durchgeführt, damit wir wieder Gebiete für Pinguine und andere Meeresvögel zur Verfügung stellen können.
Masoala: 30 Jahre Naturschutz auf Madagaskar
Das nächste Projekt haben Sie vielleicht schon einmal gehört – es ist eines der bekanntesten, das der Zoo vertritt: das Projekt auf Madagaskar, auf der Masoala-Halbinsel, wo wir seit 30 Jahren engagiert sind. Madagaskar ist heute faktisch entwaldet, war früher aber eine grosse Waldinsel – was mit ganz vielen Folgeproblemen für eine schnell wachsende, extrem arme Bevölkerung einhergeht. Wir haben es in diesem Nationalpark-Komplex – dem Masoala-Nationalpark und dem angrenzenden Makira-Naturparkpark – mit vielen Herausforderungen zu tun. Der Zoo Zürich muss inzwischen 25 Prozent des laufenden Budgets im Masoala-Nationalpark direkt übernehmen, um den Betrieb sicher zu stellen.
Brandrodung ist immer noch eine etablierte, aber sehr destruktive Art anzubauen. Deswegen hat der Zoo in den letzten Jahren grosse Förderprogramme unterstützt, mit denen ein nachhaltigerer Ansatz umgesetzt werden kann, der sogar einen deutlich höheren Ernteertrag bringt – inzwischen auf über 500 Hektaren rund um den Nationalpark. Gleichzeitig wurden Kakao-Kooperativen gestartet, um alternative Einkommensmöglichkeiten zu schaffen.
Die Bevölkerung hat viele Herausforderungen, sie ist bettelarm. Dementsprechend steht sie immer wieder im Zentrum unserer Bemühungen, denn ich kann keinen erfolgreichen Naturschutz machen, ohne die Bevölkerung von ihrem Mehrwert zu überzeugen. Der grosse Unterschied: Wir hier in der Schweiz müssen den Mehrwert nur verstehen; die wenigsten von uns haben einen direkten alltäglichen Zugang dazu, dass unser Leben unmittelbar vom Funktionieren der Natur abhängt. Die Menschen im globalen Süden müssen am Ende der Woche einen echten Mehrwert davon haben. Wenn ich kein Geld habe für meine Kinder, für Kleidung, für Essen, für medizinische Versorgung, dann interessiert mich das Funktionieren eines Ökosystems herzlich wenig. Und genau dahin geht unsere Arbeit: Wir betreiben Eiweissversorgung in den Primarschulen, wir haben Bildungsprogramme für digitale Kompetenz, aber genauso für das Bewahren der Kultur. In einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft finanzieren wir Programme, die in sogenannten Open Classrooms alte Musiktraditionen an die Kinder weitergeben. Und insbesondere werden Baumschulen betrieben, die der grossen Entwaldung entgegenwirken, sodass wir Jahr für Jahr Zehntausende Bäume pflanzen können, um die Ökosysteme zu renaturieren.
Kaeng Krachan: Elefanten und Tiger in Thailand
Damit komme ich zum Projekt Kaeng Krachan, das Teil eines grossen Waldkorridors in Thailand ist. KKNP – der eigentliche Kaeng Krachan Nationalpark – ist Teil des sogenannten Western Forest Complex, eines der grössten verbleibenden Waldgebiete in Südostasien, wo wir unter anderem eine der grössten verbleibenden Populationen von Asiatischen Elefanten haben, die ein grosses Problem mit Wilderei haben. Ein Teil unserer Arbeit geht deshalb in die klassische Finanzierung von Patrouillen, Training, Ausrüstung, Digitalisierung und die Stärkung der Strafverfolgung. Da konnten wir in den letzten Jahren massive Erfolge erzielen: Wenn wirklich Tiere gewildert werden, werden die Leute dingfest gemacht und verurteilt. Das sieht man an der Tigerpopulation, die sich in den letzten 20 Jahren wieder verdreifacht hat.
Eine zweite wichtige Aufgabe ist dort die Mensch-Tier-Konfliktlösung. Wenn wir an die Diskussionen bei uns mit dem Wolf denken – einer Tierart, die für unsere Nutztiere gefährlich ist, für uns Menschen selbst aber überhaupt nicht –, dann ist ein Elefant ein ganz anderes Kaliber. Ein Elefant kann für uns tödlich sein, er kann unser Haus zerstören, er kann unsere Feldfrüchte auffressen. Das ist ein grosses Konfliktpotenzial. Deswegen haben wir die Gemeinden rund um den Nationalpark mit ganz einfachen Möglichkeiten ausgestattet, sich gegen die Elefanten zu wehren, ohne dass diese verletzt oder getötet werden müssen – etwa mit einfachen Zäunen oder Mechanismen, die sie mit Licht und Lärm vertreiben. Hier sehen Sie, wie der Elefant versucht hereinzukommen, weil er natürlich faul ist und lieber auf das Ananasfeld will, als sich im Wald Futter zu holen. Sie sehen aber auch, wie die Anzahl der schweren Konflikte zwischen Elefanten und Menschen in den letzten 20 Jahren um mehr als den Faktor 10 gesunken ist.
Lewa: Nashornschutz in Kenia
Jetzt komme ich zum vorhin erwähnten Projekt der Lewa-Savanne in Kenia. Nördlich vom Mount Kenya angesiedelt, ist das Lewa Wildlife Conservancy, eines der letzten grossen Rückzugsgebiete, unter anderem für das Spitzmaulnashorn, eine Tierart, die stark unter Druck steht. Das hat vor allem mit dem grossen Bedarf nach dem Horn aus den traditionellen ostasiatischen Märkten zu tun, sodass viel Schmuggelware dorthin geht, was astronomische Preise auf dem Schwarzmarkt generiert. Dementsprechend braucht es auch da klassischen Naturschutz: Spürhunde, die finanziert und ausgebildet werden, Nachtsichtgeräte, einen gemeinsamen Kontrollraum, in dem die Ranger*innen Anti-Poaching-Massnahmen koordinieren, und die Infrastruktur, damit die Nashörner in den geschützten Gebieten bleiben können.
Gleichzeitig braucht es auch dort einen Mehrwert für die Bevölkerung. So kofinanzieren wir vier Gesundheitskliniken und 27 Schulen in diesem Bereich. Dort werden Kinder ausgebildet, man bringt ihnen auf Fahrten die Natur näher, sie werden in digitaler Kompetenz gestärkt. Auch dort sind wir bemüht, neue Projekte einzugehen – hier sehen Sie eines der jüngsten: die Wiederansiedlung der Bergbongos, einer im Bereich des Mount Kenya ausgerotteten Antilopenart, die wir letztes Jahr gestartet haben.
Jetzt sind Sie wahrscheinlich schon halb erschlagen, das tut mir leid. Aber ich wollte Ihnen die Breite aufzeigen, mit der der Zoo sein ganzheitliches Naturschutz-Engagement lebt – bei uns im Zoo, aber auch global und in den verschiedenen Tiergruppen: den charismatischen Nashörnern, die jeder super findet, aber auch den eher profanen Fröschen, die vielleicht nicht jeder super findet, die aber genauso wichtig oder wichtiger für die Ökosysteme sind.
Fledermäuse – die Underdogs der Tierwelt
Und genau eine solche Gruppe sind die Fledermäuse – oder sogar die Fledertiere. Denn taxonomisch betrachtet gibt es die Fledermäuse und die Flughunde, die gemeinsam zu den Fledertieren gehören. Die Stiftung Fledermausschutz nimmt sich genau dieser Aufgabe seit mehr als drei Jahrzehnten an, und der Zoo unterstützt sie seit frühen Tagen, seit 1998. Wir geben ihr das Gastrecht in unseren Räumlichkeiten, unterstützen diese extrem wichtige Arbeit aber natürlich auch finanziell. Wir tun das gemeinsam mit dem Zürcher Tierschutz, mit dem wir nicht nur eine physische Nachbarschaft, sondern auch eine lange gemeinsame Kooperation pflegen.
Bevor ich über die Arbeit der Stiftung rede, möchte ich Sie erst einmal für diese Tiergruppe begeistern, denn Fledermäuse sind absolut geniale Tiere. Sie sind eine ganz alte Tiergruppe – es gibt sie seit 50 Millionen Jahren – und dementsprechend sind sie, anders als man denken könnte, nicht direkt mit den Nagern verwandt. Ihre nächsten Verwandten, biologisch gesehen, sind Wale sowie Huf- und Raubtiere. Fledermäuse sind Säugetiere und innerhalb dieser Gruppe die einzigen, die selber aktiv fliegen können – etwas, was wir Menschen uns immer gewünscht und seit Jahrhunderten versucht haben. Sie sind extrem formenreich: Es gibt sehr viele Arten weltweit, und allein in der Schweiz kommen 30 Arten vor – womit sie hier die artenreichste Säugetiergruppe sind.
Fledermäuse haben nicht zwingend eine gute Reputation. Benno Lüthi hat eben Beispiele zitiert, und auch heute, ganz aktuell, haben sie keine gute Reputation – auf dem Papier ein Stück weit zu Recht, denn Fledermäuse tragen viele Krankheiten in sich. Wir wissen seit der Corona-Pandemie, dass Fledermäuse Coronaviren in sich tragen; sie sind häufig auch Tollwutüberträger. Es ist deshalb wahrscheinlich keine gute Idee, wenn man sich die Wet Markets in Ostasien anschaut, Fledermäuse im grossen Stil zu verzehren – davon sollte man absehen. In unserer Realität sind Fledermäuse aber in keinster Weise gefährlich, sondern eine extrem wichtige Spezies für das Funktionieren unserer Ökosysteme. Sie sind sogenannte Indikator-Spezies, weil sie hochgradig sensibel auf sich verändernde Ökosysteme reagieren. Das heisst im Umkehrschluss: Wenn Fledermäuse an einem Ort vorkommen, kann man grundsätzlich davon ausgehen, dass dieses Ökosystem ziemlich gut in Ordnung ist.
In den Tropen dieser Welt sind die Flughunde ganz zentral für die Bestäubung und für die Ausbreitung von ganz vielen Pflanzenarten – entweder durch die Bestäubung selbst oder durch das Fressen der Früchte und die anschliessende Verbreitung der Samen. So kommt es gerade in den tropischen Wäldern zu einer Verjüngung und Durchmischung. Bei uns sind die Fledermäuse eher Insektenfresser. Was Sie hier sehen, ist eine Aufnahme von den Überbleibseln aus dem Fledermauskot – die Tiere scheiden Kot aus und können gewisse Teile nicht verdauen. Daran kann man relativ gut verstehen, was die Fledermaus vorher gefressen hat. Das Wichtige daran: Fledermäuse müssen pro Nacht die Hälfte ihres eigenen Gewichts an Nahrung aufnehmen und deswegen grosse Mengen an Insekten fressen. Sie gehen dabei recht opportunistisch vor, fressen also das, was am meisten vorkommt. Das hilft dem Ökosystem, Schadinsekten zu regulieren: Wenn die Menge einer bestimmten Insektenart steigt, kann das Probleme verursachen – wenn die Fledermäuse als Opportunisten dann am ehesten das fressen, was am häufigsten rumfliegt, hilft das der Stabilität des Ökosystems.
Ich habe es eingangs bei meiner Kindheitserinnerung schon geteilt, aber ich möchte es hier noch einmal hervorheben, weil ich es absolut eindrücklich finde, wenn Tiere zu etwas in der Lage sind, was wir überhaupt nicht können. Fledermäuse senden Ultraschallrufe aus, die in einem für uns nicht hörbaren Bereich liegen. Die Gegenstände, auf die diese Schallwellen treffen, werfen sie als Echo zurück. Und Fledermäuse können das so stark differenzieren, dass sie nicht nur die Grösse eines Gegenstandes erkennen, sondern auch den Abstand, die Richtung, in die er sich bewegt, und die Oberflächenstruktur. Nach unserem heutigen wissenschaftlichen Verständnis können sich Fledermäuse allein mit den Ultraschallwellen einen Raum bilden, der unserem visuellen Raum sehr nahe kommt. Wenn ich mir vorstelle, dass wir das überhaupt nicht können, finde ich das immer wieder begeisterungswürdig.
Wenn Sie immer noch kein Fan von Fledermäusen sind, habe ich noch ein paar Fun Facts für Sie – die klassischen: am meisten, am grössten, am kleinsten. Die grösste Fledermauskolonie der Welt sind Bulldog-Fledermäuse: 20 Millionen von ihnen leben zusammen in einer Kolonie in Texas. Die grösste Fledermaus beziehungsweise der grösste Flughund ist der Kalong in Südostasien, mit einer Spannweite von 1,70 Metern und einem Gewicht von einem Kilo – für eine Fledermaus sehr viel. Das andere Extrem ist die Hummelfledermaus: eine Spannweite von 15 Zentimetern, ein Gewicht von nur 2 Gramm – damit das leichteste Säugetier der Welt. Die schnellste Fledermaus, die mexikanische Bulldog-Fledermaus, erreicht horizontal Geschwindigkeiten von bis zu 160 Stundenkilometern. Wenn Sie das nächste Mal illegalerweise auf der Schweizer Autobahn 160 fahren, denken Sie an die Fledermaus – die schafft das ohne Auto. Und die grösste Migration im Tierreich sind nicht die Gnus und Zebras in der Serengeti, sondern die Palmenflughunde in Sambia, wo jedes Jahr im Winter 10 Millionen Tiere gemeinsam durch Sambia ziehen – eines der eindrücklichsten Spektakel, die die Natur zu bieten hat.
Bedrohte Fledermäuse in der Schweiz
Den 30 Fledermausarten in der Schweiz geht es tatsächlich nicht gut. Über die Hälfte von ihnen sind unterschiedlich stark bedroht – rund 15 Arten, also etwa 58 Prozent. Von vier der übrigen Arten wissen wir so wenig, dass wir noch gar nicht beurteilen können, ob sie bedroht sind oder nicht. Aber mindestens der Hälfte der Arten in der Schweiz geht es nicht gut, einige sind extrem gefährdet. Die Hauptursachen sind zum einen die Fragmentierung und Zersiedelung des Lebensraums, sodass keine geeigneten Lebensräume und keine geeigneten Übernachtungs- beziehungsweise Überwinterungsquartiere mehr zur Verfügung stehen. Es sind aber auch Tiere, die wir in die Natur bringen: Katzen sind eine extreme Gefahr für Fledermäuse – wer eine Katze zu Hause hat, hat wahrscheinlich auch schon einmal eine Fledermaus nach Hause gebracht bekommen. Die Dichte der Fluginsekten nimmt in der Schweiz rapide ab. Das ist das zentrale Futter für die Tiere, und dementsprechend wird es für die Fledermäuse immer herausfordernder, genügend Futter zu finden.
Da setzt eine ganz wichtige Arbeit der Stiftung Fledermausschutz an: die Notpflegestation. Man kann dort verletzte, geschwächte, unterernährte oder unterkühlte Tiere abgeben, die dann in einem einsehbaren Raum wieder aufgepäppelt werden – das können unsere Gäste durch eine Scheibe mitverfolgen. Die Tiere werden versorgt und verarztet; wir haben dort mit dem veterinärmedizinischen Personal der Stiftung sogar neue Ansätze der Versorgung ausprobiert und leisten damit Pionierarbeit. Wenn sie sich gut erholt haben, werden sie freigelassen – immer wieder geniale Momente, in denen die teils Hunderte Stunden pro Tier gewürdigt werden. Im letzten Jahr wurden über 500 Fledermäuse abgegeben; Sie sehen die Entwicklung der letzten Jahre, die immer weiter ansteigt. Das zeigt nicht nur, dass Fledermäuse spätestens seit Corona öffentlich stärker wahrgenommen werden, sondern auch, dass die Stiftung Fledermausschutz eine so wichtige Arbeit macht, die immer mehr gewürdigt wird. Von diesen rund 530 Tieren konnten 61 Prozent erfolgreich wieder ausgewildert werden – für eine Tiergruppe, bei der viele Tiere schon fast tot oder schwer verletzt ankommen, ein extrem hoher Wert, der die Qualität der Stiftungsarbeit zeigt.
Neben der Notpflegestation hat die Stiftung viele weitere wichtige Aufgaben, die sich zwar um die Fledermäuse drehen, aber vom einzelnen Individuum weggehen. Im Artenschutz haben wir es immer mit extrem limitierten finanziellen Mitteln zu tun, die es möglichst effizient einzusetzen gilt. In der Schweiz haben wir häufig eine gute Datengrundlage über viele bedrohte Arten – aber weil wir föderal organisiert sind, ist es kantonal sehr unterschiedlich, wie diese Daten verarbeitet, abgelegt und dokumentiert werden. Hier setzt die Stiftung Fledermausschutz, auch mit einem Auftrag aus Bern, an, um diese Datenlagen zu homogenisieren und Museumssammlungen zu digitalisieren, sodass wir einen ganzheitlichen Blick auf die ganze Schweiz haben, wie es den jeweiligen Arten wo geht.
Die Stiftung schafft auch ganz aktiv Infrastrukturen, etwa Fledermauskästen an Gebäuden oder an Strommasten, und ist vor allem Beraterin, wenn es darum geht, Gebäude zu sanieren. Das können Privatgebäude oder öffentliche Gebäude sein, wie eine Kirche, bei der mit einer vernünftigen Sanierung die Kolonieräume im Dachstuhl ohne Probleme bewahrt werden können. Die Stiftung ist zudem Ansprechpartnerin für praktisch alle Fragen rund um das Thema Fledermäuse. Sie sehen hier, dass es seit 2020 – auch da hat uns Corona geholfen – wieder einen wachsenden Bedarf gibt: Mehrere tausend Anrufe pro Jahr erreichen die Stiftung, mehrere pro Tag, mit denen Beratung und Hilfe aus allen Landesteilen abgefragt wird.
Und Benno hat es in seinem Eingangsvotum erwähnt: die Bildung, die Sensibilisierung der Menschen für die Fledermäuse – etwas unglaublich Wichtiges. Die Stiftung macht das vor Ort in Workshops, geht in Schulklassen oder bietet Materialien an, nimmt die Menschen aber auch raus in die Natur. Und Monika hat es eben erwähnt: die Ausstellung bei uns im Zoo über die Biologie der Fledermäuse und über Ansätze, wie man sie schützen kann. Sie ist nicht nur wichtig, sondern steht genau für die Arbeit der Stiftung.
Deswegen freut es mich – und damit komme ich zum Schluss –, dass wir bereits unabhängig vom Preis beschlossen haben, den Fledermäusen, gerade dieser eher unterschätzten Gruppe unserer eigenen lokalen Säugetierwelt, und auch der Arbeit der Stiftung bei uns einen noch prominenteren Platz zu geben. So können wir die Menschen mit auf diese Reise zu diesen wunderbaren Tieren nehmen, die für uns wichtig sind, die vielleicht nicht so «jö» sind, die aber für das Funktionieren von Ökosystemen absolut wichtig sind.
In diesem Sinne danke ich Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit. Ich hoffe, ich konnte Ihnen das Naturschutz-Engagement des Zoos und insbesondere das Liebenswerte und Begeisterungswürdige an den Fledermäusen aufzeigen.
Herzlichen Dank für den Preis und herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Weitere Informationen:
Zoo Zürich
zoo.ch
Fledermausschutz Schweiz
ledermausschutz.ch

Seit 2020 leitet der 38-jährige Dr. Severin F. Dressen den Zoo Zürich. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
Vor seiner Berufung nach Zürich war Severin Dressen von 2015 bis 2019 am Zoo Wuppertal tätig – zunächst als Kurator für Primaten und Nicht-Säuger, ab 2017 zusätzlich als stellvertretender Direktor. Erste kuratorische Erfahrung sammelte er bereits 2011 am Zoo Frankfurt sowie am Tierpark Berlin, jeweils als Kuratorassistent.
Den Grundstein für seine Laufbahn legte er zwischen 2006 und 2010 in einer Reihe internationaler Volontariate in Argentinien, in Valencia, auf Teneriffa und im Tierpark Berlin.
Severin Dressen studierte Biologie an der Humboldt-Universität zu Berlin (2007–2010) und absolvierte anschliessend einen Master in Ecology, Evolution and Conservation am Imperial College London (2011–2012). Von 2013 bis 2016 promovierte er an der University of Oxford mit einer Dissertation zum Thema «Space use patterns and population dynamics in two common European rodents».
STAB-Förderpreis 2025
Kemal Mohamedou
Vorgeschlagen durch STAB-Preisträger 2024, Dr. Thomas Greminger
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Vorgeschlagen durch STAB-Preisträger 2023, Daniel Rohr
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Vorgeschlagen durch STAB-Preisträgerin 2022, Dr. Claudia Rütsche
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Fachveranstaltung «Soziale Siedlungsentwicklung für ein gutes Zusammenleben» in Zusammenarbeit mit der Stiftung Domicil
Vorgeschlagen durch STAB-Preisträgerin 2021, Stiftung Domicil
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Vorgeschlagen durch STAB-Preisträgerin 2020, Prof. Dr. Helen Keller
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Vorgeschlagen durch STAB-Preisträger 2019, Dr. Niklaus Peter
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Dr. med. Kathrin Neuhaus und Dr. med. Sophie Böttcher
Vorgeschlagen durch STAB-Preisträger 2018, PD. Dr. Clemens Schiestl